Erfahrungsberichte des Jahrgangs 2011/2012
Mit dem Eine Welt Netz NRW absolvieren zur Zeit 14 junge Menschen ihren entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in den jeweiligen Gastländern des Südens.
In folgenden Ausschnitten ihrer individuellen Erfahrungsberichte sprechen sie über ihre Projekte, Alltagsszenen und Herausforderungen des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes:
Hannah berichtet von ihrer Arbeit in Togo:
"Mein Einsatzplatz ist die Gehörlosenschule Vivenda in Atakpamé, Togo. Insgesamt gibt es dort momentan 14 Schüler, von ca. 8 - 18 Jahren, aufgeteilt auf drei Klassen (1., 2. und 3. Klasse). Sowie einen Lehrer und zwei Freiwillige, die ihn bei seiner Arbeit unterstützen. Ich bin für die erste Klasse zuständig und meine täglichen Arbeiten und Aufgaben bestehen darin den Kindern Grundlagen in lesen, schreiben, rechnen und der Gebärdensprache zu vermitteln.

Nach einer minimalen Einarbeitungsphase habe ich bereits nach kurzer Zeit angefangen selbst zu unterrichten. Da alle Klassen parallel in einem Raum unterrichtet werden, kann ich mich bei Fragen jedoch auch immer an den Lehrer wenden. Die Arbeit macht mir viel Spaß, da sie interessant und abwechslungsreich ist. Allerdings ist sie auch häufig anstrengend, da die Kinder sehr viel Aufmerksamkeit benötigen, oft laut sind, da sie ihren Gefühlen durchaus auch durch Laute Ausdruck verleihen und selten an ihrem Platz sitzen bleiben. Außerdem haben sie, zumindest in der ersten Klasse, noch gar keine Vorstellung von Zahlen, Größen und Buchstaben. Dies alles ohne sprechen zu vermitteln ist nicht einfach, aber es funktioniert und ich lerne jeden Tag dazu. Da ich selbst vorher noch keine Kenntnisse in der Gebärdensprache hatte, lerne ich Vieles sozusagen mit ihnen mit.
Es ist für mich aufregend zu sehen, wie viel sie bereits in kurzer Zeit gelernt haben und was für Fortschritte sie machen. Die Gebärdensprache zu lernen, macht mir viel Freude und ich empfinde es als spannend diese völlig neue Art der Kommunikation kennenzulernen. Abschließend kann ich sagen, dass ich sehr froh bin in einem Projekt mithelfen zu dürfen, in dem ich weder überflüssig noch unterfordert bin und ich bin gespannt, wie sich die Arbeit und die Beziehung zu den Kindern im Laufe der Zeit entwickeln wird."
Ruth, die sich mit Weiß-Sein und Schwarz-Sein in Ghana auseinandersetzt, schreibt:
"Jetzt bin ich also schon knapp drei Monate hier. Was habe ich bis heute gelernt?
Die Zeit verfliegt, das auf jeden Fall! Die Namen der Kinder, wie ich mit ihnen umgehen kann, ihre Fähigkeiten abzuschätzen und ihre Interessen und Stärken zu kennen. Ich habe gelernt wie ich mit Melanie [meine Mit-Freiwillige vom Eine Welt Netz NRW] auf engem Raum zusammenlebe, auf meine Fähigkeiten zu vertrauen, die lokale Sprache wird auch immer mehr. Ich kann nun selbstbewusst durch die Straßen der Stadt gehen, Fufu essen und auch ohne Worte danke sagen. Freundschaft ist auch grenzenlos möglich, sich verändern heißt nicht das Vorhergehende vollkommen zu verlieren und „weiß sein“ hat seine Vor- UND Nachteile.
Wobei ich auch schon bei einem Punkt bin, der mich gerade in der Anfangszeit trotz Vorbereitung sehr berührt hat. Ich falle nur wegen meiner Hautfarbe auf, habe eine Wirkung auf die Menschen, die größtenteils auf der Geschichte beruht. Ich werde auf etwas reduziert, was mir vorher nie so bewusst war: Ich bin tatsächlich „weiß“. Das zu realisieren hat mich eine Weile eingenommen. Damit umgehen zu lernen noch mehr.
Inzwischen habe ich es akzeptiert und versuche, dass gerade die Menschen, die mir nahe stehen (den Mensch) Ruth kennenlernen. Nicht nur die Weiße."
Laura von ihrer Anfangszeit in einem Zufluchtsort für Kinder und Jugendliche in Südafrika:
"Nachdem ich am Anfang voller Elan überall mithelfen wollte, habe ich mittlerweile für mich selbst feststellen müssen, dass ich mich anpassen muss. Ich versuche nun mein Bestes zu geben wenn es gebraucht wird und eine Vertrauensperson für die Kinder zu werden, sodass sie wissen, dass ich für sie da bin, wenn sie mich brauchen. In diesem Vorhaben haben mich einige der Kinder auch bereits bestärkt, indem sie mit ihren Problemen zu mir gekommen sind und offen mit mir darüber gesprochen haben und wir dann gemeinsam versucht haben eine Lösung für ihre Problem zu finden. In solchen Situationen kommt in mir auch immer wieder die Frage auf, ob es sinnvoll ist Volunteers in fremde Länder zu schicken, wenn ein Festangestellter, welcher die Sprache und die Kultur nicht erst erlernen muss, den Kindern auf längere Zeit als Ansprechpartner dienen könnte."
Marius von den Philippinen:
"Vertraut fühle ich mich hier allgemein im Moment sehr. Ich kenne meine Kollegen gut, wir gehen zusammen feiern und das Wichtigste jedoch, ich habe zu den Klienten (philippinischen Kindern und Jugendlichen, die unsere Organisation aus Gefängnissen rausholt und Boyshome anbietet) eine dauerhaft positive Beziehung aufbauen können. Anfangs war ich noch etwas Besonderes, das bin ich jetzt schon lange nicht mehr, trotzdem melden sich immer noch Jungs um mir freiwillig bei den Projekten zu helfen. Das ist ein sehr schönes Gefühl akzeptiert zu werden und so macht die Arbeit gleich mehr Spaß.
Neben der Arbeit haben wir unter der Woche kaum Zeit soziale Kontakte zu pflegen, sondern bleiben eher unter uns Freiwilligen. Außerhalb der Arbeit habe ich einige Freunde, mit denen ich öfters mal mein Wochenende verbringe. Als meine Mutter hier war haben wir auch meine Freunde besucht, unter anderem auch meine philippinische Mutter und es war ein sehr schöner Moment, als die beiden sich begegnet sind. Ich wusste bis dahin noch gar nicht wie fest ich hier integriert bin und wie nah mir meine Freunde stehen.
Obwohl ich so gut wie kaum Kontakt nach Deutschland pflege, ist es trotz allem immer wieder schön ein Paket aus der Heimat zu bekommen und ich denke gerne an die Leute dort."
Nicole, über ihr Frau-Sein in Nicaragua:
"Eine meiner Motivationen nach Nicaragua zu gehen, war es kennenzulernen, was Frau-Sein in Nicaragua bedeutet. Eine zusammenfassende Schlussfolgerung kann ich nach sechs Monaten, wenn dies überhaupt irgendwann möglich ist, keinesfalls treffen. Aber durch die Mitarbeit im Frauenzentrum, sowie durch mein privates Umfeld, konnte ich bereits viele Beobachtungen machen, was es bedeutet vom weiblichen Geschlecht zu sein und welches Rollenverständnis damit vielmals verbunden wird.
Nach meinen Beobachtungen werden dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht traditionelle Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben. Daraus ergibt sich ein konventionelles Bild im Zusammenleben von Mann und Frau und eine klare Verteilung der Aufgaben. Ich habe in den vergangen Monaten viele verschiedene Menschen und ihre Umgangsweisen mit dieser klassischen Rollenverteilung von Mann und Frau kennengelernt. Unter ihnen jene, die diese Verteilung als selbstverständlich empfinden, jene, die aus diesem Rollenverständnis herausbrechen wollen, und jene, die resigniert haben. Mit großer Wahrscheinlichkeit gibt es noch zahlreiche Abstufungen. Beispielsweise muss das Herausbrechen aus der traditionellen Aufgabenverteilung nicht damit gleichgesetzt werden, dass die Frau ihre Rolle als Hausfrau und Mutter aufgibt und einer anderen Arbeit nachgeht. Nichts ist negativ an der Tatsache, als Hausfrau und Mutter zu arbeiten. Negativ ist lediglich die Geringschätzung dieser Arbeit.
Diese Geschlechterrollen werden als Resultat des Machismo gesehen, der die sozialen Strukturen, die ich hier in Nicaragua kennengelernt habe, sehr prägt. Dabei fällt es schwer nicht in die Verallgemeinerungsfloskel zu fallen, alle Männer seien Machos.
Als Folge machistischer Verhaltensweisen werden auch die Gewalt gegen Frauen und innerfamiliäre Gewalt gegen Kinder und Frauen gedeutet. Es beschäftigt mich sehr, wie hoch die Gewaltbereitschaft ist. Für die verbleibende Zeit habe ich mir vorgenommen, mich näher mit den Ursachen auseinanderzusetzen und gleichzeitig werde ich mich auf die Suche nach Lösungsansätzen begeben."
Zu den interessanten Erfahrungsberichten des vorherigen Jahrgangs: hier.










